Fried Dähn – NOW & THEN

medley-A-side 

180g Vinyl / Audio CD
To be released in November 2020.

Fried Dähn – now & then
[Electric Cello Indie Pop]

Der tiefer­ge­legte Bass des Cellos bahnt sich den Weg durch die Nacht, ein Digeridoo-Sound brum­melt archa­isch dazu, bevor sich einer dieser leicht­hän­digen Melodiebögen Fried Dähns über einen kniff­ligen Groove legt undalles bündelt, was den Tübinger E‑Werker und dieses Album auszeichnet. Er will bei der musi­ka­li­schen Linienführung gar nicht verhehlen, dass er in den Siebziger Jahren musi­ka­lisch im Spagat zwischen Klassik, dem guten alten Jazzrock oder sper­rigen Giganten wie einem Frank Zappa sozia­li­siert wurde. Doch Dähn, der als Mitglied des legen­dären Ensemble Modern mit „Yellow Shark“ das letzte zu Lebzeiten erschie­nene Frank-Zappa-Album einspielen durfte und seither mit unter­schied­lichsten Projekten zwischen Jazz, Avantgarde, Weltmusik und Klassik starke Marker setzen konnte, ist auch stets süchtig nach Neuem.
Was ist im Bereich der elek­tro­ni­schen Musik möglich? Was lässt sich aus einem mitenwickeltenE-Cello mit modernster Technik am Instrument selbst heraus­holen? Welche Möglichkeiten bieten Loop-Maschinen, Sampler und viele andere tech­ni­sche Innovationen? Experimentierfreudig und ohne Limits bewegt sich der klas­sisch geschulte Cellist auf seinem im wahrsten Sinne des Wortes Solo-Album mitten hinein in den pulsie­renden Kern eines musi­ka­li­schen Universums, das sich in den vergan­genen Jahren expo­nen­tiell erwei­tert hat.

Last Order“ ist der Opener, der die Hörer fein struk­tu­riert, durch­sichtig und mit viel Finesse hinein­zieht in diese Dähn’sche Welt. Hingetupftes und fein­nervig Gestrichenes, ange­raute Flageolett-Girlanden und perkus­siver Bogenbetrieb münden tief­gründig in satten harmo­ni­schen Flächen. Eine Spiel-Eröffnung par excel­lence, die den Raum für den „Blues 54“ öffnet, einen Dähn-Klassiker, der in seinen Frühzeiten des Elektrocello-Erwachens entstanden ist. Zunächst weitet sich ächzend das Tor in dieses Stück, dann bahnen sich über einem mit viel Blues getränkten, schwer­ge­wich­tigen 5/4‑Takt schwin­gende Bögen ihren Weg, doppeln und verknüpfen sich in bester Ponty-Manier, um den Rock im Kammermusikalischen zu erwe­cken. Dieser entlädt sich dann furios in einem Solo im unver­kenn­baren Fried-Style mit reich­lich Overdrive.

Now & Then“ zeigt auch die Seite des die Grenzen auslo­tenden Soundschwellen-Überschreiters. „Secret“ ist eine Klangreise in außer­or­dent­liche Weiten, bisher unent­decktes Terrain. Mit dem elek­tri­fi­zierten Cello entstanden Klangwelten für den Flug im Kopf und Abstraktionen, die genau den Raum bekommen, um sich voll entfalten zu können. Hier kann sich der Hörer ganz tief fallen lassen, bevor er vom „Z‑Tune“ und der Magie eines nordisch geprägten Melodiebogens aufge­fangen wird, in der das Cello nicht nur wegen seines Tonumfangs der mensch­li­chen Stimme sehr nahe kommt. Von einem wogend geschich­teten Beat-Gefüge ange­trieben bewegt sich „Z‑Tune“ im zeit­losen Vakuum hin zu einem Solo, in dem das Cello dem Moog-Synthesizer näher ist als einem Streichinstrument.

Mit „Shake It Easy“ geht Fried Dähn musi­ka­lisch auf Entdeckungsreise und landet irgendwo in Afrika. Das Cello spielt nicht nur den Bass so authen­tisch wie Richard Bona, es über­nimmt krei­schend auch den ritu­ellen Chor oder das Solo der Kalebasse. Wichtiger noch: Er trifft das Lebensgefühl sehr genau. Freudig sprü­hend, schrill und quirlig, aber auch mit dem Wumms einer Riff-Serie mit reich­lich Rockdrive und Soweto-Melancholie. Natürlich über­nimmt der Streicher mit und ohne Bogen alle perkus­siven Aufgaben mit den Fingern ganz nah am entspre­chenden Afro-Puls.

Mit „Add“ lässt Fried Dähn sein Faible für zeitlos gute elek­tro­ni­sche Musik aufscheinen, denn in der Vergangenheit sind zahl­lose seiner Kompositionen auch am Rechner entstanden. Hier sind es nun die behutsam gesetzten, zippenden und tänzelnden Sounds vom Drumcomputer, die unter einem wech­sel­har­mo­ni­schen Bassgefüge durch­drib­beln und den Spielraum ganz weit öffnen. Minimal Music im kompri­mierten Format. Ja, wir haben jede Menge Zeit. Einfach loslassen, zuhören, loslassen. Das All, weite Horizonte, Fernsichten – die Bilderfolgen im Kopf wollen bei diesem tiefen­ent­spannten Soundtrack für einen coolen Seelentrip nicht enden.

Von der Brandung des Meeres, mit dem Cello als Taktgeber, wird in „Out of One“ ein von schweren Riffs getra­gener Monolith langsam abge­schliffen. Auch hier zeigt der Meister der vier Saiten sein gutes Gespür für gut gemachten Rock, denn das erdige Gewicht des bebenden Fundaments wird durch eine feder­leichte Melodie in die ideale Balance gebracht. Und doch ist „Out of One“ mit seinen wenig mehr als drei Minuten viel mehr als nur eine Fingerübung oder Anspielung, denn auch das rich­tige Längenmaß zeichnet den guten Komponisten aus.

Zahllose Wandlungen hat „Friends“ wie auch andere der Kompositionen im Produktions- und Studioprozess erfahren, in dem sich Dähn selbst in Zeiten des Corona-Ausnahmezustands immer tiefer in den Kern seines eigenen Schaffens vorar­beiten konnte. Der ursprüng­liche Plan, das Album im Studio aus Session-Fragmenten entstehen zu lassen, entwi­ckelte sich zu einem höchst fokus­sierten Klang-Abenteuer. In „Friends“ schält sich aus einem pendel­haften Swing der verzahnten Cello-Striche und einem satten Bass-Lauf ein kopf­ni­ckender House-Beat, der den Weg für keyboard­hafte Harmonieflächen und eine verhallte Melodie frei­legt. Selbst hier ist alles Cello-basiert, in diesem zeit­lu­pen­haften Club-Erlebnis.

Mit „Mesh“ begibt sich Dähn mitten hinein in die Melancholie der grego­ria­ni­schen Gesangssätze, und wie so oft in seinen Stücken geben Basslinien die Richtung vor. Wehmut, Zweifeln, tiefe Einschnitte – all das wurde in diesem folk­lo­ris­tisch gefüllten Gittergewebe der inten­siven Gefühle aufge­fangen, um immer wieder von schrägen Effekten durch­ge­rüt­telt zu werden. Der Cellist mit derVorliebe für wunder­schöne Melodien, ist immer auch der Realist, der seiner heilen Musikwelt Ecken und Kanten verpassen muss, damit sie in Waage gebracht ist. Gegen den Strich, doch niemals anti.

Es zeichnet Fried Dähn aus, dass er sein persön­li­ches „Tubular Bells“-Album nicht mit einem der eigenen Klassiker abrundet, die bereits seit vielen Jahren ohrwurm­haft ein breites Live-Publikum erfreuen, sondern mit „Wölfe und Viren“. Das war ursprüng­lich live im Trochtelfinger WhiteFir Studio ohne Overdubs mit der Loopmaschine entstanden, wandelte sich aller­dings über Wochen hinweg von einer reinen Improvisation zu einem dyna­mi­schen Riesen. Über einem peit­schenden Beat werden unter­schied­lichste Klang-Fragmente geschichtet, während sich ein Thema allein mit vier Noten zu einem Strom auswächst und die Solostimme mit reich­lich Boost und Jazzfeeling das Open End des Albums einläutet. Das Finale von „Now & Then“, einer solis­ti­schen Momentaufnahme, die musi­ka­lisch vor allem die Zukunft im Blick hat und in dieser scheint für Fried Dähn alles möglich.

Udo Eberl