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01. Stufen elektronisch-kompositorischer Entwicklungen - Ein Erklaerungsversuch (frei nach Pessoa)

Die erste Stufe ist jene, in welcher der Komponist, sich auf sein Gefuehl konzentrierend, dieses Gefuehl ausdrueckt. Ist er aber ein Geschoepf mit wechselnden oder verschiedenartigen Gefuehlen, so wird er sie ausdruecken, als ob es eine Vielzahl an Persoenlichkeiten gaebe, die lediglich durch Temperament und Stil vereint sind. Noch eine Stufe auf der kuenstlerischen Skala und wir treffen auf den Komponisten mit verschiedenen und fiktiven Gefuehlen, die aber eher imaginaer als tatsaechlich gefuehlt sind, und der jeden Zustand seiner Seele vielmehr durch die Intelligenz als durch die Emotion lebt. Dieser Komponist wird sich ausdruecken als eine Vielzahl von Persoenlichkeiten, die aber schon nicht mehr durch Temperament und Gefuehl vereint sind, da das Temperament durch die Imagination und das Gefuehl durch die Intelligenz ersetzt wurden, die sich allerdings noch in demselben einfachen Stil aeussern. Ein weiterer Schritt auf derselben Skala der Entpersoenlichung oder auch der Imagination und wir treffen auf den Komponisten, der sich jedem einzelnen seiner verschiedenen mentalen Zustaende in einer Form hingibt, in der er sich gaenzlich entpersoenlicht, so dass, wenn er analytisch jeden einzelnen Seelenzustand lebt, er aus ihm auch den Ausdruck einer anderen Persoenlichkeit macht und daher selbst den Stil zu variieren versucht. Geht man nun den letzten Schritt, so werden wir einen Komponisten antreffen, der verschiedene Komponisten ist (...). Jede Art an heraufkommenden Seelenzustaenden wird sich unbemerkt in eine Persoenlichkeit verwandeln, mit eigenem Stil, mit deutlich unterschiedenen Gefuehlen, die selbst gegenteilig zu den typischen des Komponisten in seiner eigenen Person sein koennen.



02. Zirkularitaet der Tonsynthese - Ein systemtheoretischer Ansatz fuer elektronische Musik (von Michael Fetscher)

Die konzeptionelle Zielsetzung besteht darin, eine sich staendig erweiternde Verweisstruktur zwischen der Generierung von Schallwellen und daraus resultierenden Kompositionen aufzubauen. Jeder zusaetzliche Klang soll zuvor Entstandenes spezifizieren und verarbeiten. Wir bezeichnen diesen Ansatz als "Zirkularitaet der Tonsynthese".

02._01. Das Konzept der Selbstreferenz als musikalische Moeglichkeit

Chaos und Zufall

Chaos definiert sich durch die Summe aller Zufaelle. Durch Zufaelle entstehen Situationen oder Handlungen. Situationen interagieren mit Handlungen. Die ersten Variablen entstehen. Sie sind jedoch weder unabhaengig noch abhaengig voneinander: Es herrscht Chaos. Chaos definiert sich durch Dynamik. Dynamik ist die Differenzierung einer Situation oder Handlung. Differenzierung bietet die Moeglichkeit zur Darstellung von Details. Auf Dynamik folgt Dynamis. Details beschreiben jetzt Verhaeltnismaessikeiten von Variablen. Somit ist eine erste Ableitung erfolgt. Komplexitaet tritt an die Stelle von Chaos.

Komplexitaet und Reduktion

Komplexitaet ist die Gesamtheit aller Moeglichkeiten. Sie ist der Ursprung der unabhaengigen Variablen. Nur diese Unabhaengigkeit kann zu einer weiteren Ableitung fuehren. Ist diese Ableitung erfolgt, so wird aus Dynamik Eigendynamik. Komplexitaet und Eigendynamik stehen zunehmend in Bezug zueinander. Differenzierung und Eigendynamik oszillieren, ebenso wie Details und Variablen. Erfolgt keine weitere Ableitung, bleibt das sich gerade entwickelnde Funktionssystem beliebig und es entstehen Zufaelle. Gelingt hingegen eine weitere Ableitung, so erfolgt sie divers. Entscheidend ist die momentane Wahrnehmung. Signifikante Differenzierungen sind stets systemimmanent, gleich ob der Gegebenheit einer Situation oder Handlung. Im Bild einer humanoid-individuellen Wahrnehmung - was natuerlich undenkbar erscheint - koennte man hier auch von Beduerfnissen sprechen. Reduktion bietet jetzt die Moeglichkeit einer weiteren Ausdifferenzierung des Systems. Reduktion von Komplexitaet wird zur unabhaengigen Variablen.

Selbstreferenz

Selbstreferenz ist jetzt die zentrale Hypothese des Systems. Sie bestimmt das Verhaeltnis von Differenzierung und Entwicklung. Ist diese Verhaeltnismaessigkeit nicht ausgewogen so entsteht Beliebigkeit. Zu fruehe Subsystembildungen waeren eine moegliche Konsequenz und somit Merkmal einer Systemgefaehrdung. Gelingt es aber eine ausgewogene Verhaeltnismaessigkeit von Differenzierung und Entwicklung zu erzielen, so wird Umwelt wahrnehmbar. Der Beweis fuer eine erfolgreiche Systembildung waere somit erbracht. Sinnhaftigkeit und Selbstreferenz oszillieren jetzt. Man koennte auch sagen: Das System atmet.

Wer ist der Beobachter?

Die Frage verweist auf Wechselwirkungen zwischen Wahrnehmung und Augenblick. So kann sowohl System als auch Umwelt Beobachter sein. Denn Beobachtung erfolgt stets durch Beobachtung bzw. durch Selbstbeobachtung.


... Beitraege in Spe:

03. Signifikante Merkmale von Tonsynthese und Komposition

03._01 Grooves: Auswege aus der Beliebigkeit
03._02 Melodien: Traeger von Informationen und Botschaften
03._03 Harmonien: Ein menschliches Beduerfnis
03._04 Sampling: Die vierte Dimension

04. Klangaesthetik durch Reduktion

04.01 das gefaengnis der antagonismen
04.02 artifakte als alternative (...)

05. Aphorismen aus Strom



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